Es war im November, als er beschloss, sie nicht mehr zu lieben, und zwar mit jener eigentümlichen Entschlossenheit, die nur Menschen aufbringen, die längst wissen, dass sie einen solchen Entschluss nicht werden ausführen können.
Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Gegen vier Uhr morgens war er aufgestanden, hatte das Fenster geöffnet und lange auf die gegenüberliegende Hauswand gestarrt, an der sich im Licht einer Laterne die Äste eines kahlen Baumes bewegten. Dabei war ihm der Gedanke gekommen, dass er eigentlich ein recht lächerlicher Mensch sei, und dieser Gedanke hatte ihn, zu seiner eigenen Überraschung, beinahe getröstet.
Denn solange er lächerlich war, blieb sein Leiden wenigstens sein eigenes. Es gab etwas, woran er festhalten konnte, selbst wenn dieses Etwas nur seine Erniedrigung war.
Er hieß Adrian Severin, war zweiunddreißig Jahre alt und verdiente seinen Lebensunterhalt mit einer Tätigkeit, über die er ungern sprach, nicht weil sie unehrenhaft gewesen wäre, sondern weil sie, sobald man sie aussprach, eine so unbestreitbare Wirklichkeit annahm, dass ihm seine übrigen Gedanken darüber vollkommen sinnlos erschienen. Er hatte eine kleine Wohnung, einen grauen Mantel, dessen Kragen er stets zu hoch schlug, und die Angewohnheit, sich bei jedem Gespräch, das ihm wichtig war, zunächst gegen etwas zu verteidigen, das niemand behauptet hatte.
Er liebte eine Frau namens Anna.
Es wäre nun leicht zu sagen, Anna sei schön gewesen, und damit wäre wenigstens der Anfang einer Erklärung gegeben. Doch Nikolai hatte schöne Frauen gekannt, hatte sie bewundert, begehrt und vergessen, manchmal alles innerhalb eines einzigen Abends. Anna dagegen war ihm anfangs beinahe unangenehm gewesen.
Sie hatte die Gewohnheit, einen Menschen so anzusehen, als könne man ihm zutrauen, dass er meinte, was er sagte.
Das war ihm unerträglich.
Beim ersten gemeinsamen Abend hatte er über die Menschen gesprochen, über deren Eitelkeit, über die absurde Hoffnung, von anderen verstanden zu werden, über die Unmöglichkeit einer aufrichtigen Liebe in einer Welt, in der jeder Mensch selbst seine größten Opfer noch vor einem unsichtbaren Publikum vollbringe.
Anna hatte ihm zugehört.
»Und Sie?«, fragte sie schließlich.
»Was ist mit mir?«
»Vor wem führen Sie das alles auf?«
Er hatte gelacht, und zwar so laut, dass sich zwei Herren am Nebentisch nach ihnen umdrehten. Später, als er allein nach Hause ging, war er wütend auf sie gewesen. Eine törichte, anmaßende Frau! Sie hatte ihn kaum kennengelernt und erlaubte sich bereits, ihn zu durchschauen.
Am nächsten Morgen wollte er sie wiedersehen.
Und das war der Anfang seines Unglücks.
Adrian verliebte sich nicht in einem Augenblick, sondern in einer Reihe von Demütigungen, deren Bedeutung er erst verstand, als es zu spät war.
Zunächst wartete er auf ihre Briefe. Wenn einer eintraf, las er ihn mit einer demonstrativen Gleichgültigkeit, die selbst dann noch anhielt, wenn niemand im Zimmer war. Er legte ihn beiseite, ging in die Küche, trank ein Glas Wasser, kehrte zurück und las ihn erneut. Mitunter ärgerte ihn ein einziges Wort so sehr, dass er den ganzen Tag darüber nachdachte.
Einmal hatte sie geschrieben:
Ich habe heute an dich gedacht, als ich an der Brücke vorbeiging.
Weiter nichts.
An ihn gedacht! Weshalb an der Brücke? Was hatte die Brücke mit ihm zu tun? Warum schrieb sie nicht, was sie gedacht hatte? War er ihr nur zufällig eingefallen, so wie einem Menschen die Erinnerung an ein altes Möbelstück kommt, das man einmal besessen und dann fortgegeben hat?
Er antwortete drei Tage lang nicht.
Am vierten schrieb er:
Ich habe ebenfalls an dich gedacht.
Daraufhin schämte er sich derart, dass er beinahe den Brief zerrissen hätte.
Doch seine eigentliche Qual begann, als er bemerkte, dass er in ihrer Gegenwart ein anderer Mensch wurde, und zwar keineswegs ein besserer.
Er konnte einem Bettler auf der Straße sein letztes Geld geben und noch am selben Abend Anna gegenüber grausam werden, weil sie einem anderen Mann mit jener unbefangenen Freundlichkeit begegnet war, die er bei ihr selbst so liebte. Er konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie von ihrer Kindheit sprach, und dann plötzlich von einer unerklärlichen Gereiztheit ergriffen werden, weil er begriff, dass sie bereits ein ganzes Leben gelebt hatte, ehe er darin vorgekommen war.
Besonders ihre Erinnerungen kränkten ihn.
Es gab Menschen, die sie liebte und die er niemals kennenlernen würde, Tote, von denen sie sprach, als seien sie noch anwesend, und eine frühere Liebe, über die sie nur einmal gesprochen hatte, mit einer Ruhe, die Nikolai für den Rest des Abends verstummen ließ.
Er wollte alles von ihr wissen, aber er verzieh ihr nichts von dem, was er erfuhr.
Dabei verstand er durchaus, wie abscheulich er sich benahm. Sein Verstand, an dessen Schärfe er nie gezweifelt hatte, führte ihm jeden Abend eine lückenlose Anklage gegen ihn selbst vor. Er sah seine Eitelkeit, seine Besitzgier, seine jämmerliche Furcht, nicht unentbehrlich zu sein, und gelangte regelmäßig zu dem Urteil, dass Anna einen besseren Menschen verdiene.
Am nächsten Morgen hasste er diesen besseren Menschen, obwohl es ihn überhaupt nicht gab.
Eines Abends, als sie nach einem langen Spaziergang in ihrer Wohnung saßen, fragte Anna ihn, weshalb er sie eigentlich liebe.
war auf eine solche Frage nicht vorbereitet. Er hatte im Laufe seines Lebens zahlreiche Erklärungen für die Liebe gefunden, hatte darüber gelesen, darüber gestritten, hatte sich sogar einmal, in einer besonders erbärmlichen Stunde seiner Jugend, vorgenommen, eines Tages ein Buch über die Unfähigkeit des modernen Menschen zur Liebe zu schreiben. Nun aber saß sie vor ihm, mit müden Augen und einer losen Haarsträhne an der Wange, und er wusste nichts zu sagen.
»Weil du anders bist«, erwiderte er schließlich.
»Anders als wer?«
»Als die anderen.«
»Das ist keine Antwort.«
»Dann weiß ich es nicht!«, rief er.
Sie sah ihn an.
»Vielleicht ist das die Antwort.«
Aber er konnte es nicht ertragen, dass sie ihm seine Unwissenheit so leicht verzieh.
»Du machst es dir einfach«, sagte er. »Du willst, dass ich etwas sage, das dir gefällt. Wenn ich dir sage, dass ich dich liebe, fragst du warum. Wenn ich dir sage, warum, genügt es dir nicht. Was verlangst du eigentlich von mir?«
»Ich habe nur gefragt.«
»Eben! Du fragst nur! Und ich soll mich erklären, als hätte ich ein Verbrechen begangen!«
Sie senkte den Blick, und in diesem Augenblick bemerkte er, dass er ihr wehtat.
Es war eine seltsame Entdeckung, denn plötzlich sah er nicht mehr die Frau, die ihm etwas vorenthielt, etwas abverlangte, etwas zu geben oder zu verweigern hatte, sondern einen Menschen, der an diesem Abend müde war, der vielleicht den ganzen Tag auf ihn gewartet hatte und der nun vor einem Mann saß, welcher aus seiner Liebe eine Angelegenheit von Schuld und Recht gemacht hatte.
Er hätte sie um Verzeihung bitten können.
Stattdessen stand er auf und nahm seinen Mantel.
»Du verstehst mich nicht«, sagte er.
Anna begleitete ihn zur Tür.
»Vielleicht«, erwiderte sie, »willst du auch gar nicht, dass ich dich verstehe.«
Er ging.
Noch auf der Treppe hoffte er, sie würde ihm nachlaufen.
Es war dieser Wunsch, der ihn später am meisten beschämte.
Zwei Wochen sahen sie einander nicht.
In dieser Zeit führte Adrian ein außerordentlich tugendhaftes Leben. Er stand früh auf, ging seiner Arbeit nach, las abends, vermied den Alkohol und sprach mit Menschen, denen er seit Monaten ausgewichen war. Einem Bekannten half er sogar bei einem Umzug, obwohl er den Mann nicht ausstehen konnte.
Er wollte sich bessern, aber sein Wunsch nach Besserung war vergiftet durch die Vorstellung, Anna müsse davon erfahren.
Wenn er etwas Gutes tat, sah er unwillkürlich ihr Gesicht vor sich, und jedes Mal, wenn ihm bewusst wurde, dass sie von seiner guten Tat nichts wusste, verlor sie einen Teil ihres Wertes.
Einmal erwischte er sich dabei, wie er einem alten Mann die Einkaufstasche die Treppe hinauftrug und zugleich überlegte, ob Anna ihn wohl für großzügig halten würde, wenn sie ihn so sähe. Er erschrak über sich selbst, und weil ihm der alte Mann plötzlich wie ein Zeuge seiner Niedertracht vorkam, verabschiedete er sich beinahe unhöflich.
Am selben Abend schrieb er Anna einen langen Brief.
Er erklärte ihr, dass er ihre Freiheit achte, dass er keine Ansprüche an sie stelle, dass er begriffen habe, wie viel Elend aus dem Versuch entstehe, einen anderen Menschen zum Eigentum seiner Sehnsucht zu machen. Er schrieb von seiner Kindheit, von seinem Vater, von einer gewissen Gewalttätigkeit des Herzens, die er schon als Knabe an sich bemerkt habe, und schließlich von seiner Bereitschaft, auf sie zu verzichten, wenn dies zu ihrem Glück beitrage.
Als er den Brief beendet hatte, las er ihn dreimal und war tief bewegt.
Er hielt sich für einen Menschen, der eine große Wahrheit erkannt hatte.
Dann wartete er auf Antwort.
Nach zwei Tagen schrieb Anna:
Ich habe deinen Brief gelesen. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Du sprichst so viel darüber, was du für mich zu tun bereit bist, aber ich weiß nicht, ob du mich überhaupt fragst, was ich will.
Adrian las den Satz und empfand zunächst eine grenzenlose Empörung.
Was sie wollte!
Was für ein kümmerlicher, beinahe bürgerlicher Einwand gegen die Größe seiner Gefühle! Er hatte ihr sein Innerstes offenbart, hatte sich erniedrigt, seine Fehler eingestanden, sich zu einem Opfer bereit erklärt, und sie antwortete mit einer Frage, die ebenso gut beim Kauf eines Wintermantels hätte gestellt werden können.
Doch dann, gegen Mitternacht, als er zum wiederholten Male an ihrem Brief saß, geschah etwas, das er später niemals recht erklären konnte.
Er bemerkte, dass er keine Antwort auf ihre Frage wusste.
Er wusste, was sie in ihm auslöste. Er wusste, wie sie ihn veränderte, quälte, erhob, erniedrigte und in jene fieberhafte Erwartung versetzte, in der selbst die Geräusche der Straße bedeutsam wurden. Er wusste, wie sehr er ihre Nähe begehrte und wie unerträglich ihm ihre Abwesenheit war. Er konnte die Farbe ihres Mantels beschreiben, die Bewegung ihrer Hand, wenn sie eine Tasse hielt, und die eigentümliche Art, in der sie beim Lesen eines Buches die Lippen leicht voneinander löste.
Aber was sie wollte?
Er wusste es nicht.
Und schlimmer noch: Er hatte es nie wissen wollen, sofern ihre Wünsche nicht mit ihm zu tun hatten.
An einem Sonntag im Dezember begegnete er ihr zufällig auf dem Markt.
Es hatte geschneit. Zwischen den Ständen liefen Kinder umher, die Verkäufer schlugen die Hände gegeneinander, und Anna stand vor einem Blumenhändler und betrachtete einen kleinen Bund weißer Blumen.
Sie sah ihn zuerst.
“Adrian.”
Er blieb stehen.
Während der letzten Wochen hatte er sich diese Begegnung in mindestens hundert verschiedenen Fassungen vorgestellt. In manchen war er kühl und überlegen, in anderen leidenschaftlich, in wieder anderen sagte er überhaupt nichts, sondern ging an ihr vorüber, damit sie endlich begreife, was sie verloren hatte.
Nun aber stand sie vor ihm, ihre Nase war von der Kälte gerötet, und sein erster Gedanke war, dass sie offenbar zu dünne Handschuhe trug.
»Du wirst frieren«, sagte er.
Sie lächelte.
»Das tue ich schon.«
Er hätte ihr seine Handschuhe geben können, doch er trug keine.
Eine Weile gingen sie nebeneinander her. Sie erzählte von ihrer Arbeit und von ihrer Schwester, die krank gewesen war. Er hörte ihr zu, und zum ersten Mal bemerkte er, dass ihre Stimme müder klang als früher. Er wollte sie fragen, weshalb, aber er fürchtete die Antwort.
Schließlich blieben sie an einer Kreuzung stehen.
»Ich habe dich vermisst«, sagte er.
Anna antwortete nicht sofort.
»Ich dich auch.«
Sein Herz schlug heftig. Die ganze Stadt, der Schnee, die Händler, die vorübergehenden Menschen, alles schien plötzlich in einem großartigen und vollkommen überflüssigen Glanz zu stehen. Er wollte ihre Hand nehmen, sie an sich ziehen, ihr alles sagen, was er in den letzten Wochen erkannt zu haben glaubte.
Doch Anna sprach weiter.
»Ich weiß nur nicht, ob ich wieder so mit dir sein kann.«
In diesem Augenblick hätte er schwören können, dass seine Liebe aufhörte.
Er empfand etwas Hartes, Kaltes, fast Verächtliches. Wenn sie ihn vermisst hatte, warum kam sie dann nicht zurück? Weshalb bestand sie darauf, aus einer einfachen menschlichen Sehnsucht eine Angelegenheit von Bedingungen zu machen? Hatte sie denn kein Herz? Wusste sie nicht, was er durchgemacht hatte?
Er öffnete bereits den Mund, um ihr etwas Unverzeihliches zu sagen.
Da sah er ihre Hände.
Sie hielt den kleinen Blumenstrauß so fest, dass die Stiele sich bogen.
Und plötzlich, mit einer Klarheit, die ihm beinahe körperliche Schmerzen bereitete, begriff er, dass sie Angst vor ihm hatte.
Nicht vor seiner Gewalt, nicht vor irgendeiner drohenden Handlung, sondern vor jener unberechenbaren Forderung, die er mit seiner Liebe an sie richtete: dass sie ihn erlösen müsse von allem, was er an sich selbst nicht ertragen konnte.
Er wollte sie lieben, aber sie sollte ihm beweisen, dass er liebenswert war. Er wollte frei sein von seiner Einsamkeit, und sie sollte diese Freiheit herstellen. Er wollte sich hingeben, aber nur unter der Bedingung, dass seine Hingabe erwidert, anerkannt und niemals missverstanden würde.
Und sobald sie sich als ein eigener Mensch zeigte, fühlte er sich betrogen.
»Anna«, sagte er leise.
Sie hob den Blick.
»Ich glaube, ich habe dir nie zugehört.«
Sie sagte nichts.
»Nein, das ist auch wieder so ein Satz«, fuhr er hastig fort, plötzlich zornig über die eigene Neigung zur schönen Erklärung. »Ich sage etwas über mich, und du sollst wieder etwas damit anfangen. Ich weiß nicht einmal, weshalb ich dir das sage.«
Er verstummte.
Eine Straßenbahn fuhr vorüber. Auf der anderen Seite der Straße versuchte ein Kind, den Schnee von einem Geländer zu lecken, während seine Mutter es am Mantel fortzog.
Anna sah dem Kind nach und lachte.
Es war ein kleines, vollkommen unbedeutendes Lachen.
Adrian hatte sie lange nicht lachen hören.
Und zu seinem Erstaunen empfand er diesmal nicht den Wunsch, die Ursache dieses Lachens zu sein.
Sie lud ihn nicht zu sich ein, und er fragte auch nicht danach.
Sie gingen noch ein Stück miteinander, bis zu jenem Platz, an dem sich ihre Wege trennten. Dort sagte sie, dass sie am Mittwoch ihre Schwester besuchen werde und wahrscheinlich erst am Wochenende zurückkomme.
»Ich könnte dich begleiten«, erwiderte er.
»Ich möchte allein fahren.«
Früher hätte er gefragt, ob er störe, hätte ihr seine Bedeutungslosigkeit vorgehalten, hätte ihr versichert, dass er selbstverständlich niemals einem Menschen seine Freiheit nehmen wolle, und hätte doch gerade durch diese Versicherung verlangt, dass sie ihre Entscheidung rechtfertige.
Nun sagte er nur:
»Gut.«
Es war keineswegs ein großer Augenblick. Er fühlte sich nicht erleichtert, nicht weise, nicht einmal besonders freundlich. Er wäre lieber mit ihr gefahren, hätte neben ihr im Zug gesessen, ihren Kopf an seiner Schulter gespürt und die Landschaft betrachtet, über die sie irgendwann etwas sagen würde, worüber sie beide hätten lachen können.
Dass er sie nicht begleiten durfte, schmerzte ihn.
Anna verabschiedete sich und ging über den Platz. Nach einigen Schritten drehte sie sich noch einmal um und hob die Hand.
Er erwiderte ihren Gruß.
Erst als sie verschwunden war, bemerkte er, dass er ihr die Blumen nicht bezahlt hatte, die sie bei ihrer Begegnung noch in der Hand gehalten hatte. Darüber musste er lachen.
Er dachte an ihren Brief, an seine eigene Antwort, die er niemals abgeschickt hatte, an all die schlaflosen Nächte und die ungeheure Mühe, die er darauf verwendet hatte, aus seiner Liebe eine Wahrheit über sich selbst zu gewinnen.
Dann dachte er an Anna, die nun vielleicht in ihrer Wohnung die Blumen ins Wasser stellte, sich die nassen Schuhe auszog und ganz andere Dinge im Kopf hatte als ihn.
Er hätte gern gewusst, welche.
Und gerade dieser bescheidene Wunsch bewegte ihn so sehr, dass er mitten auf der Straße stehen blieb.
Denn vielleicht, dachte er, beginnt die Liebe überhaupt erst dort, wo ein Mensch entdeckt, dass er mit seinem ganzen Herzen vor einem anderen stehen kann und dennoch nicht das Recht hat, dessen Inneres zu besetzen.
Vielleicht war seine Liebe bis dahin nur eine ungeheure, fieberhafte Beschäftigung mit sich selbst gewesen.
Er erschrak vor diesem Gedanken, weil er etwas Wahres enthielt, das sich nicht mehr durch Leiden widerlegen ließ.
Und dann ging er weiter.
Er liebte sie noch immer. Er hätte alles darum gegeben, dass sie ihn wiedersehen wollte, und es war durchaus möglich, dass er schon am nächsten Morgen erneut vor ihrem Brief sitzen und jedes Wort auf irgendeine verborgene Bedeutung hin untersuchen würde. Er war kein anderer Mensch geworden, und wenn ihn jemand gefragt hätte, was an diesem Sonntag geschehen sei, hätte er nichts zu erzählen gewusst, ohne sich sogleich wieder wichtiger zu machen, als er gewesen war.
Aber als er zu Hause ankam, setzte er sich nicht an den Schreibtisch, um ihr zu schreiben.
Er kochte Tee, öffnete das Fenster und sah hinaus.
Auf der anderen Straßenseite brannte Licht in einem Zimmer. Eine Frau deckte den Tisch, ein Mann trug ein schlafendes Kind herein, und für einen flüchtigen Augenblick sah Adrian, wie die Frau den Arm ausstreckte, damit der Mann mit dem Kind besser an ihr vorbeikam.
Er wusste nichts von diesen Menschen. Vielleicht waren sie glücklich, vielleicht stritten sie jeden Abend, vielleicht war der Mann im Begriff, sie zu verlassen. Er wusste es nicht und konnte es nicht wissen.
Doch die Bewegung ihres Arms blieb ihm im Gedächtnis.
Sie hatte Platz gemacht, damit zwei Menschen aneinander vorbeikamen.
Nikolai schloss das Fenster, trank seinen Tee und begann zum ersten Mal seit langer Zeit, sich ernsthaft für den kommenden Tag zu interessieren.
